Monatsarchiv: September 2015

„First they came with the tanks, then they came with the banks“

Reisetagebuch Teil 9

– Gedanken zum Abschluss –

Es war still in Griechenland, eine knappe Woche vor der Wahl am 20. September. Das sei ungewöhnlich für die Vorzeit politischer Entscheidungen, aber auch ein Ausdruck dessen, was wir immer wieder hören in unseren Gesprächen mit Aktivist*innen der Solidaritätsbewegung: dass die Unterzeichnung des „Memorandum of Understanding“ am 19. August durch die Syriza-Regierung die Hoffnung zerstört habe. Eine Hoffnung, die sich deutlich ausdrückte in den 60,3 % Nein-Stimmen bei der Abstimmung im Juli über ein Ja zu den Sparforderungen der Geldgeber, und eine Hoffnung, die wieder auftrieb gab.

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Diese zu zerstören, sei das Schlimmste gewesen, was die Regierung dem griechischen Volk habe antun können. Und sie ist ein Fingerzeig darauf, was die vermeintliche „Griechenland-Rettung“ summa summarum sein wird: eine Rettung der Banken und Ruhigstellung der Gläubiger, die der Verelendigung ( u.a. Armutsquote 2012 von 32,3 %, Jugendarbeitslosigkeit 2013 von 59%, 33,2% in 2013 ohne Sozialversicherung ) in keinem Fall entgegen wirken wird und das Gefühl verstärkt, unterdrückt und übergangen worden zu sein. Oder, wie Christos von „Solidarity for all“ in Bezug auf die deutsche Besatzung von 1941 es ausdrückt: „First they came with the tanks, then they came with the banks.“ Weiterlesen

Refugees in Griechenland – unsere Eindrücke

Reisetagebuch Teil 8

Unter den Titeln „Drama im Mittelmeer“ und „Chaos auf Lesbos“ berichtete die Bildzeitung in den letzten Tagen und Wochen über die Situation der Flüchtenden in Griechenland. Wir wollen hier keine politsche Analyse schreiben, aber kurz berichten, was wir vor Ort, hauptsächlich in Athen, erlebt haben.

Vor dem griechischen Parlament fuer Solidaritaet und golbale Beweungsfreiheit

Vor dem griechischen Parlament für Solidarität und golbale Bewegungsfreiheit

Je länger wir in Griechenland waren, umso mehr Menschen von verschiedenen Organisationen und Gruppen lernten wir kennen. Immer wieder kamen wir in Gesprächen auf die aktuelle Politik und die Lage der Flüchtenden zu sprechen.
Wir haben selbst den Viktoriapark in Athen besucht, in dem sich viele Menschen aus Afghanistan vorübergehend aufhalten. Im Park und um den Park herum standen und saßen viele Menschen in kleinen Gruppen zusammen. Ab und zu gehen Aktivist*innen dort vorbei um Essen zu verteilen oder sich um die medizinische Versorgung zu kümmern. Es gibt keine festen Zuständigkeiten. Weiterlesen

Das Solidarity Social Medical Center in Thessaloniki

Reisetagebuch Teil 7

In Athen haben wir immer wieder von der solidarischen Klinik in Thessaloniki gehört. Die älteste Klinik soll sie sein, und auf jeden Fall sehr sehenswert. Ob es wirklich die erste war, die eröffnet wurde, konnten wir nicht herausbekommen, dafür war unser Besuch hier auf andere Art besonders.

logo thessa

Wir hatten die glückliche Gelegenheit, von einer Patientin und von einigen Ärzt*innen zu erfahren, wie sich der griechische Alltag und wie sich organisierte Solidarität tatsächlich anfühlen. Obwohl wir dieses Mal weniger Fakten über die Klinik sammeln konnten, hat uns der Besuch einen spannenden emotionalen Einblick gegeben. Weiterlesen

Das öffentliche Krankenhaus Evangelismos

Reisetagebuch Teil 6

Während ein paar von uns sich übers Wochenende am Meer erholt haben, haben andere sich in Athen vernetzt, Leute getroffen und einen Kontakt aufgetan, der uns in das größte öffentliche Krankenhaus von Athen, die Evangelismosklinik, gebracht hat. Nach allem, was wir aus der Perspektive der solidarischen Kliniken über die Entwicklung des Gesundheitssystems gehört haben, waren wir sehr interessiert daran, uns ein eigenes Bild von den Zuständen in der öffentlichen Versorgung zu machen. Die Informationen, die wir gehört haben, sind einerseits sehr spezifisch – unser Kontakt war eine Ärztin in der Mikrobiologie – und andererseits ganz allgemein: die Arbeit sei schwierig, das Material knapp, die Bezahlung schlecht. Trotzdem tun alle, was sie mit den eingeschränkten Ressourcen tun können. Hier der Bericht:
Das groesste oeffentliche Krankenhaus in Athen - Davor ein Transparent der Belegschaft gegen die Kuerzungen im Gesundheitssystem

Das größte öffentliche Krankenhaus in Athen – davor ein Transparent der Belegschaft gegen die Kürzungen im Gesundheitssystem

Unsere Vierergruppe wird am Eingang des Krankenhauses von der zahlreich vertretenen Security aufgehalten. Die wollen, dass wir uns dort abholen lassen. Da unsere Kontaktperson nicht ans Telefon geht, nutzen wir einen günstigen Augenblick und fragen uns auf eigene Faust durch bis zu den Laboren der Mikrobiologie.

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Die solidarische Klinik und Apotheke im Zentrum Athens

Reisetagebuch Teil 5

Als wir am Donnerstag „Solidarity for all“ besucht haben, haben wir einen weiteren Kontakt zu einer solidarischen Klinik im Zentrum von Athen bekommen. Wir wurden eingeladen sofort dort vorbei zu schauen und haben diese Einladung gern angenommen.

ein Behandlungszimmer

ein Behandlungszimmer

Alexandra Pavlou, eine Aktivistin der Klinik, hat uns freundlich empfangen und mit uns einen kleinen Rundgang durch die Räumlichkeiten gemacht. Im August sei die Klinik geschlossen gewesen, da in den Sommermonaten viele Menschen Athen verlassen würden und dadurch in der Stadt nicht so viel los sei. Wir hatten Glück, dass noch nicht alle Ärzt*innen aus der Sommerpause zurück waren. So konnten wir uns die Klinik anschauen, ohne den laufenden Betrieb zu stören. Weiterlesen

Solidarity for All

Reisetagebuch Teil 4

Die kritischen Mediziner*innen üben sich in Medienkompetenz. Wir waren am Donnerstag bei Solidarity for All und haben mit zwei Aktivist*innen dort gesprochen. Wir haben einen Teil der Gespräche gefilmt und nun in neun kleine Videos verpackt, so dass ihr euch die Teile heraussuchen könnt, die euch besonders interessieren – oder ihr schaut einfach alles :-). Solidarity for All ist eine NGO aus Aktivist*innen, die sich um eine Vernetzung der verschiedenen Solidaritätsbewegungen bemühen.

Als erstes ein Beitrag zu ihrem grundsätzlichen Verständnis von politischem Aktivismus und Wohltätigkeit:

Als zweites ein kurzer Überblick über die aktuellen Probleme des griechischen Gesundheitssystems: Weiterlesen

Solidarity clinic of Piraeus

Reisetagebuch Teil 3

Die Kritischen Mediziner*innen sind reif für die Insel. Seit Freitag genießen einige von uns das Wochenende auf unterschiedlichen Inseln. Vormittags haben wir bepackt mit Reiserucksäcken und Campingutensilien noch die solidarische Klinik in Piraeus besucht.

Quin und eine Zahnärztin der Klinik

Quin und eine Zahnärztin der Klinik

Seit Februar 2013 gibt es die Klinik nun schon. Enstanden ist die Idee eine Klinik aufzumachen als Quin Minassian ohne Versicherung erkrankte. Sie und 9 andere Lehrer*innen wurden für fast zwei Jahre von ihren Arbeitgerber*innen nicht ausgezahlt oder krankenversichert. Quin hatte Glück und bekam unbürokratische Hilfe von einem Arzt, der auch gerne anderen Menschen helfen wollte, dafür aber organisatorische Hilfe brauchte. Weiterlesen

ADYE Self-organised Health Strucutre in Exarcheia

Reisetagebuch Teil 2

Zweiter Tag unserer Athen Reise.

Nachdem wir gestern die zweitgrößte solidarische Klinik Griechenlands besucht haben, waren wir heute zu Gast bei einer relativ neuen und kleinen Nachbarschaftsklinik in dem linken Viertel Exarcheia.

das Logo der Klinik

das Logo der Klinik

Die ADYE befindet sich seit einem Jahr in dem besetzten Haus „K*Vox“. Die Menschen, die dort arbeiten, sind Ärzt*Innen, Krankenpfleger*Innen, Physiotherapeut*innen und enagierte Menschen aus der Nachbarschaft.

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Metropolitan Clinic of Hellinikos

Reisetagebuch Teil 1

Die solidarische Klinik Hellinikos

Die solidarische Klinik Hellinikos

Die Kritischen Mediziner*innen sind in Athen! Wir haben uns auf die Reise gemacht, um einige der solidarischen Kliniken zu besuchen, die sich in Griechenland gebildet haben, seit die öffentliche Gesundheitsversorgung versagt. Einerseits wollen wir gerne versuchen, einen Beitrag zu leisten und Solidarität zeigen, andererseits wollen wir aber auch lernen, in welchen Strukturen sich die Menschen organisieren um der Krise und der Austeritätspolitik entgenenzutreten. Obwohl es in Deutschland vergleichsweise gut läuft, verändert sich auch bei uns das Gesundheitssystem in Richtung Profit, stehen auch wir vor der Herausforderung, eine Menge neu in Deutschland angekommener Menschen zu versorgen und werden auch wir als zukünftige Ärzt*innen in einem System arbeiten müssen, das mit unseren Idealen und dem Wohlergehen von Patient*innen und uns selbst nur am Rande zu tun hat. Wir sind also auch auf Bildungsreise, gewinnen Eindrücke davon, wie in Griechenland Spar- und Repressionpolitik für den Rest Europas erprobt wird, aber auch davon, wie sich Widerstand organisieren kann und was für Alternativen möglich sein könnten. Diese Eindrücke schreiben wir hier für euch zum Mitlesen und gedanklich Mitreisen auf. Schreibt uns gerne zurück, was ihr dazu denkt, was für Fragen ihr habt, was euch noch interessieren würde!

Los geht’s mit unserem ersten Eintrag im Reisetagebuch: Weiterlesen