Solidarity clinic of Piraeus

Reisetagebuch Teil 3

Die Kritischen Mediziner*innen sind reif für die Insel. Seit Freitag genießen einige von uns das Wochenende auf unterschiedlichen Inseln. Vormittags haben wir bepackt mit Reiserucksäcken und Campingutensilien noch die solidarische Klinik in Piraeus besucht.

Quin und eine Zahnärztin der Klinik

Quin und eine Zahnärztin der Klinik

Seit Februar 2013 gibt es die Klinik nun schon. Enstanden ist die Idee eine Klinik aufzumachen als Quin Minassian ohne Versicherung erkrankte. Sie und 9 andere Lehrer*innen wurden für fast zwei Jahre von ihren Arbeitgerber*innen nicht ausgezahlt oder krankenversichert. Quin hatte Glück und bekam unbürokratische Hilfe von einem Arzt, der auch gerne anderen Menschen helfen wollte, dafür aber organisatorische Hilfe brauchte. Es formte sich eine fünfköpfige Gruppe, die in Verschiedenen Bezirken Anfragen an die Bürgermeister*innen stellte, um eine Klinik eröffnen zu können. Die Gruppe hatte von Anfang an den Anspruch unabhängig arbeiten zu können, was von zwei Bezirken abgelehnt wurde. In Korydallos hat die Bezirksversammlung fast einstimmig entschieden und Räume zur Verfügung gestellt. Seit dem teilt sich die Klinik die Räumlichkeiten mit der Bezirksverwaltung, welche die Kosten für Miete, Strom und Wasser übernimmt.

Mit 12 Menschen, die keine Vorerfahrung hatten, weil sie aus ganz anderen Berufszweigen kamen, wurde die Klinik eröffnet. Mittlerweile engagieren sich dort 106 Menschen, von denen 66 Ärzt*innen sind. Es gibt 4.000 Patient*innen, die zusammen auf 15.000 Besuche kommen. 95% dieser Menschen haben keine Krankenversicherung.

Plakat an der Tür eines Behandlungszimmers

Plakat an der Tür eines Behandlungszimmers

Die Klinik ist autonom organisiert, was konkret bedeutet, dass es keine Hierarchien gibt und alle Entscheidungen im Plenum besprochen werden. Es würde häufig lange Diskussionen geben um Konsensentscheidungen zu treffen. Um auch auf schnelle Entwicklungen reagieren zu können bildet sich aus der Hauptversammlung eine Gruppe aus 7 bis 9 Aktivist*innen, die in eiligen Fragen entscheidungen treffen können. Die Mitglieder dieses Komitees rotieren alle drei Monate.

Quin erzählt uns, dass die Büroschichten der Klinik immer zu zweit gemacht werden, weil es ab und an Ärger mit der Polizei oder Faschist*innen gegeben hätte. Für die Rechten sind die Kliniken ein Dorn im Auge, weil dort auch Refugees behandelt werden. Für die Polizei sei die Klink zunächst suspekt gewesen, weil die neue selbstorganisierte Struktur unbekannt war und für die Polizei einen vermeintlich unkontrollierbaren Raum darstellte. Die Polizei sei dann vorbei gekommen, weil es in der Klinik auch BTM-Medikamente (Betäubungsmittel) gibt. Das sei jetzt aber kein Problem mehr, weil diese in Schränken eingeschlossen sind, für die nur die Psychiater*innen einen Schlüssel haben.

Wie wir es auch schon in anderen Kliniken gehört haben, betont auch Quin, dass die Menschen in der Klinik Aktivist*innen sind und keine „Volunteers“. Es gehe nicht nur um ärztliche Hilfe, sondern auch um alle anderen Anliegen, die damit verknüpft sind. Sie erzählt von einem Patienten am Eröffnungstag der Klinik: er sei von Neonazis mit Säure angegriffen worden und hätte im Krankenhaus behandelt werden müssen. Die Kosten dafür betrugen 8.375 Euro, die der Mann ohne Versicherung nicht zahlen konnte. Er war kurz davor aufgrund dieser Schulden sein Haus zu verlieren, woraufhin die Aktivist*innen dem Krankenhaus drohten diese Geschichte zu veröffentlichen. Nach langen Verhandlungen habe das Krankenhaus auf das Geld verzichtet und der Mann konnte seine Wohnung behalten. So oder so ähnlich werde bei vielen Patient*innen gehandelt. Außerdem werden Demos organisiert und Gespräche mit Ärzt*innen und Direktor*innen von Krankenhäusern geführt, was dazu führte, dass krebs- und herzkranke Menschen ohne Versicherung zurzeit in öffentlichen Krankenhäusern behandelt werden können.

Neben der Arbeit in der Klinik gehen die Aktivist*innen auch in Gefängnisse. Wir erfahren, dass sich die Situation in den Gefängnissen in den letzten Jahren sehr verändert hat. Früher wären ca. 90% der Insassen Männer gewesen, die aufgrund von Drogenhandel, Überfällen, etc. dort gelandet seien. Heute sind viele Menschen im Gefängnis, weil sie Schulden haben, die sie nicht rechtzeitig zurück zahlen konnten. Quin sagt, viele Menschen würden sich für ihre eigene Situation schämen und denken, dass sie selbst daran schuld seien. Das Klinikteam versucht diese Menschen zu empowern. Nicht alle würden verstehen, dass die Behandlung in der Klinik keine reine Dienstleistung ist, aber viele seien solidarisch und würden die Arbeit der Klinik unterstützen, wenn diese die Menschen dazu aufruft aktiv zu werden. Menschen, die selbst mit anpacken und versuchen etwas zu erreichen, würden seltener an Depressionen leiden, sagt Quin.

In Athen gibt es drei Kliniken, die sich gemeinsam um die ärztliche Versorgung in Detentioncamps gekümmert haben. Eigentlich sollten die Detentioncamps, in denen neu ankommende Füchtende eingesperrt werden, durch die Syriza-Regierung geschlossen werden und in Welcome-Zentren umgewandelt. Aufgrund des massiven Drucks der EU mussten die Einrichtungen ihren Gefängnischarakter aber behalten und auch heute sind dort noch tausende Menschen unter schlechtesten Bedingungen inhaftiert. Mittlerweile sind dort Ärzt*innen im Einsatz, die von der EU bezahlt werden, die Aktivist*innen übernehmen aber immernoch die unterstützende Arbeit und weigern sich dafür Geld von der EU anzunehmen.

Die Apotheke

Die Apotheke

Nach dem Gespräch führt Quin uns durch die Klink. Das Herzstück der solidarischen Klinik ist wieder die eigene Apotheke. Im Moment stehen dort genügend Medikamente zur Verfügung, aber Quin sagt, dass es manchmal schwierig ist bestimmte Mittel zu erhalten. Es gibt außerdem drei Behandlungsräume mit Inventar, dass größtenteils von Ärzt*innen gespendet wird, die in Rente gehen und ihre eigene Praxis schließen, oder von Ärzt*innen, die ihre eigene Praxis renovieren und modernisieren. Als letztes schauen wir uns das zahnärztliche Behandlungszimmer an und treffen dort auch eine Zahnärztin. Dieser Bereich ist der einzige in der Klinik, für den laufende Kosten anfallen. Das liegt daran, dass die benötigten Materialien für Füllungen etc. Verbrauchsmaterialien sind, die nur selten gespendet werden. Alle zwei Monate werden dafür 500 Euro benötigt.

Die Zahnarzthelferin bei der Arbeit

Die Zahnarzthelferin bei der Arbeit

Zum Ende unseres Besuchs unterhalten wir uns mit den Aktivist*innen noch über die allgemeine politische Situation in Deutschland und Griechenland. Quins Tochter hatte für kurze Zeit einen Job in einem Callcenter. Sie hat dort täglich 12 Stunden gearbeitet und dafür 350 Euro im Monat bekommen. Wir als Medizinstudis in Berlin bekommen für nur 3 Nachtschichten als Sitzwache im Monat ähnlich viel Geld. Menschen, die ihre Arbeit verlieren, bekommen in Griechenland 1 Jahr lang Arbeitslosengeld und sind nach 2 Jahren nicht mehr krankenversichert, unabhänig davon, wie lange sie vorher fest beschäftigt waren.

Auch vor unserer Reise waren wir uns darüber bewusst, in welcher privilegierten Position wir uns in Deutschland befinden. Trotzdem war es sehr beeindruckend die konkreten Zahlen im direkten Vergleich zu hören. Ebenfalls beeindruckend ist, mit welcher Weitsicht, Entschlossenheit und Konsequenz die Aktivist*innen hier kämpfen. Sie wissen um die Schwierigkeit und Bedeutung ihrer Arbeit und dass sie dafür auch Tränengas atmen und Schlagstöcke ertragen mussten, erwähnt Quin nur in einem Nebensatz.

Mit lieben herzlichen Grüßen an unsere Freundi*innen vom VdÄÄ, die in der Klinik in Piraeus für ihre gute Unterstützung bestens Bekannt sind, wurden wir dann verabschiedet und nachdrücklich eingeladen gerne wieder zu kommen.

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