Mostar – eine Stadt im Zwiespalt

 

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Unser letztes Ziel in Bosnien und Herzegowina ist die im Südwesten des Landes gelegene Stadt Mostar, die, als Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebungen, unser Interesse weckte.
Nachdem wir unser Auto in der Nähe des Zentrums abgestellt haben und uns zu Fuß auf den Weg ins Herz der Stadt begeben, wird uns schnell bewusst, wie stark die damaligen Ereignisse die Bewohner*innen Mostars prägten und uns ihre Auswirkungen auch noch heute deutlich spürbar begegnen.

Im Frühjahr 1992 bekämpften hier zunächst kroatisch-bosniakische Einheiten die serbische Armee. Nach dem Rückzug dieser, kam es bereits im Herbst des gleichen Jahres zu Spannungen zwischen kroatischen Nationalist*innen und Bosniak*innen.
Die Einwohner*innen Mostars, die vorher als Nachbar*innen und Freund*innen zusammenlebten, standen sich nun bewaffnet gegenüber. Die Frontlinie, an der sie die Kämpfe austrugen, verlief parallel zum Fluss Neretva, der die Stadt bis heute in eine westliche und eine östliche Region teilt.

Auf unserem Weg durch die Straßen Mostars laufend, sehen wir einige Häuserruinen ebenso wie noch bewohnte Gebäude, die von zahlreichen Einschussstellen gekennzeichnet sind. Als befremdlich empfinden wir den Kontrast zu den direkt daran angrenzenden neu errichteten und stilvoll sanierten privaten Grundstücken, Bildungseinrichtungen oder auch Regierungsgebäuden. Dieser erzeugt in uns sehr ambivalente Gefühle, die uns nachdrücklich in Erinnerung bleiben.

 

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Als wir das Zentrum erreichen, finden wir uns augenblicklich in einer Traube von Tourist*innen wieder, die durch die schmalen Gassen schlendernd die unzähligen Läden mit ihren kleinen Souvenirs bestaunen sowie ihre Aufmerksamkeit auf die auch Kebab und Eis anpreisenden Verkäufer*innen richten.
Der Menschenstrom treibt uns in Richtung der Stari Most – eine Steinbrücke, die über den Fluss Neretva führt. Sie gilt als Wahrzeichen Mostars und wurde mit Geldern der Weltbank originalgetreu wieder aufgebaut, nachdem sie im Rahmen der Jugoslawienkriege zerstört wurde. Nach ihrer Fertigstellung im Jahr 2004 zieht sie wieder Tourist*innen aus aller Welt an.

Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die beiden Stadthälften separat verwaltet. Historisch trennt sie Mostar seit dem Ende des Krieges in einen christlich-kroatischen Teil im Westen und einen muslimisch-bosnischen Teil im Osten. Auch heute leben fast alle Katholik*innen im Westen, wo wir einige Kirchtürme über den Häuserdächern herausragen sehen, während sich im Osten der Stadt der hohe Anteil muslimischen Glaubens in zahlreichen Moscheen widerspiegelt. Es ist anzumerken, dass sich Mostar vor 1992 mit der größten Anzahl an Mischehen in ganz Jugoslawien auszeichnete. Diese Art des Zusammenlebens ist heutzutage weniger spürbar. Bis in die Gegenwart sind die in damaligen Zeiten etablierten Schulsysteme, Elektrizitätsbetriebe und Krankenhäuser geblieben. Je eine Einrichtung im Westen und eine im Osten.

 

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Nach unserem Spaziergang durch die Innenstadt besuchen wir das Jugend- und Kulturzentrum OKC Abrasevic. Die Straßen auf unserem Weg dorthin sind gesäumt von vielen kleinen Cafés und Bäckereien. Schließlich stoßen wir auf einen Eingang, der uns auf den Innenhof des Kulturzentrums führt. Der Ort, ausgestattet mit einer Bar, gemütlichen Sitzecken und einer Konzerthalle, strahlt eine freundliche Atmosphäre aus. Einige junge Leute trinken Kaffee und unterhalten sich angeregt.

Wir treffen uns hier mit einer jungen Krankenpflegerin, die sich an unserer Arbeit und den politischen Bewegungen in Deutschland interessiert zeigt. Im Austausch zu unseren Erzählungen berichtet sie uns über die politische Situation in Bosnien und Herzegowina.
Ein großes Problem stelle die hohe Arbeitslosenquote dar, nach der nahezu jede zweite Person keine feste Arbeitsstelle besitze.
Dies wirke sich natürlich auch stark auf die nationale Politik aus, denn seit den Protesten, die 2014 in Tuzla begannen, bewege sich erneut sehr wenig auf dieser Ebene, so die Krankenpflegerin. In kaum einem Gewerbe trauen sich die Arbeitnehmer*innen ihre Arbeitsrechte einzufordern, aus Angst ihren Job zu verlieren.
Weiterhin beschreibt sie die starke Beeinflussung und Abhängigkeit des Landes von der internationalen Politik, die sich negativ auf den nationalen Fortschritt auswirken.

Wir lenken das Gespräch auf die Gesundheitspolitik in Bosnien und Herzegowina und die Krankenpflegerin verdeutlicht uns zugleich ihre Unzufriedenheit mit dessen Entwicklung innerhalb der letzten 25 Jahre, die insbesondere in der voranschreitenden Privatisierung aller medizinischen Fachbereiche begründet liegt. Die aus Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens bestehende grundlegende Krankenversicherung der Einwohner*innen beschreibt sie als positiv, jedoch seien die damit abgedeckten Leistungen nicht ausreichend für alle notwendigen Behandlungen bzw. viele Patient*innen müssen sehr lange auf bestimmte Untersuchungen und Therapien warten. Die privaten Einrichtungen stellen dagegen eine schnellere, dafür aber kostspielige Alternative dar. Zudem erklärt sie uns, dass die regionale Verwaltung des Landes auf der Ebene der einzelnen Kantone zu erheblichen bürokratischen Hürden innerhalb der jeweiligen Krankenhäuser führe, die sich zum Nachteil der Patient*innen auswirken.
Als positiv an ihrer Arbeit im Krankenhaus empfindet sie den Zusammenhalt unter den Pfleger*innen, die eine solidarische Gemeinschaft bilden und mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für das Wohl ihrer Patient*innen kämpfen.

Ein kurzer Regenschauer unterbricht unser angeregtes Gespräch und bald darauf verabschiedet sich die Krankenpflegerin von uns. Ihrer Empfehlung zu Folge besuchen einige Personen unserer Gruppe im Anschluss die Partizansko groblje, ein Friedhof in Mostar, der als nationales Denkmal an die im zweiten Weltkrieg gefallenen Partisan*innen erinnert. Der andere Teil der Gruppe lässt bei einer Tasse Kaffee das zuvor geführte Gespräch Revue passieren.

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