Besuch der Poliklinik Veddel

In Hamburg wird es langsam dunkel an diesem Samstag Abend. Im ersten Stockwerk liegen wir und versuchen noch mal zu schlafen, bevor wir gleich durch die Stadt streifen. Ich liege im Halbschlaf auf dem Sofa im gemeinsamen Pleniersaal mit Küche der Klinik und werde langsam wacher. Unten höre ich die Stimmen der anderen, sie diskutieren und lachen. Es ist schön, wieder mit den Kritis unterwegs zu sein.

Die Poliklinik gibt es seit Ende 2017. 23 Personen arbeiten hier im Stadtteil Hamburgs, in dem die Lebenserwartung durchschnittlich 10 Jahre geringer ist als in den reichen Vierteln. Um Klassenunterschiede nicht durch die Medizin zu individualisieren, um eine Versorgung zu ermöglichen, die die Lebenssituation der Menschen behandelt, arbeiten hier Gesundheitsarbeiter_innen, Jurist_innen und Sozial- und Kommunikationswissenschaftler_innen. So gibt es Allgemeinarztpraxis, Sozial- und Gesundheitsberatung, Präventionsprojekte und psychologische Beratung.

Alternative Projekte, die nicht profitorientiert und sich aus einer politischen Praxis heraus konstituieren, haben oft Probleme als trojanisches Pferd im kapitalistischen System. So erzählen uns Jan, Phil und Thilo von der Geschichte der Klinik. Wie viele Besuche anderer Gesundheitskollektive auf dem Weg bis zur Gründung der Klinik lagen, sieht man im Flur vor den Behandlungszimmer, wo ein Zeitstrahl bis zur Geburt der Klinik führt.

Die Hürden liegen bei der Finanzierung, die auf ein anderes Verständnis von Gesundheitsversorgung abzielt. So entsteht für viele Mitarbeiter_innen durch die unzureichende Bezahlung, an anderen Orten zu lohnarbeiten. Wir diskutieren den Begriff der Selbstausbeutung in Bezug auf politische Arbeit, die sich mit der Lohnarbeit überschneidet.
Auch die Verankerung im Veddel gestaltete sich nicht von Anfang an einfach, doch durch zahlreiche offene Arbeitsgemeinschaften, in denen Austausch und nachbarschaftliche Hilfe möglich ist, ist die Resonanz größer geworden. Doch mangelt es weniger an Projekten und Bedarf, viel mehr fehlt es an Örtlichkeiten und Entwertung.

Doch scheint es für die drei gute Gründe zu geben, weiter an diesem Ort ihre gesamte Kraft und ihr Herz hineinzugeben, mit uns hier am Wochenende zu sitzen und zu erzählen. So ist es möglich, dass dieser Ort widerständiger Kranken- und Menschenversorgung möglich wurde, der so anders ist als die Kliniken, die wir kennen.

Der Interregio fährt uns in einem gemütlichen Abteil wieder zurück nach Berlin. Wir sitzen nah beieinander und diskutieren. Was ist nun unsere Aufgabe? Wie kann man Strukturen aufbauen, die verhindern, dass eine solche Klinik einer profitorientierten Versorgung dient? Wie gleichen die Kämpfe der Gesundheitskollektive denen der Mietpolitik? Wie unterscheidet sich das Gesundheitskollektiv Berlin von der Poliklinik Veddel? Wir entwerfen unser weiteres Vorgehen und unsere politische Strategie.

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