Operation Persilschein

Jedes Erscheinen einer neuen Publikation, die den Grad der Beteiligung des umstrittenen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch an der Verbrechen der Nationalsozialisten weiter erhellt, sollte eigentlich begrüßt werden. Insbesondere gilt dies, wenn neue Quellen herangezogen wurden. Das im Januar erschienene Buch von Christian Hardinghaus bietet all das, jedoch mit einem kleinen Haken. Hardinghaus ignoriert in seinem Buch einfach einen Großteil des aktuellen Forschungsstands und versucht nicht zu verleugnende Tatsachen mit nicht haltbaren Theorien zu legitimieren. 
Die Arbeiten von Wolfgang Eckart zum Beispiel tauchen in dem Buch gar nicht auf, obwohl seine Sauerbruch-Biografie als eines der Standardwerke gilt. So schafft Hardinghaus es aus dem deutschnationalen Antidemokraten Sauerbruch, der begeisterte Reden über sowie für den Faschismus hielt, einen Widerstandkämpfer zu machen. Der reißerische Untertitel des Buches lautet sogar „Operationen gegen Hitler“.  Er leugnet nicht Sauerbruchs zentrale Rolle im Reichsforschungsrat als Fachspartenleiter Medizin, argumentiert jedoch der Geheimrat mit weitreichenden Verbindungen in Politik und Militär, der Hitler nebenbei persönlich kannte, hat nicht gewusst, was er da unterschrieb. Auch Udo Schagen vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité bezweifelt diese Interpretation des Autors. Schagen hat eine ausführliche Rezension zu dem Buch verfasst, in dem er auf viele inhaltliche und fachliche Mängel hinweist (https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30742).
Eine sonderbare Quellenbewertung nimmt Hardinghaus indes bei einem weiteren Vorwurf gegen Sauerbruch vor. Dabei geht es um die „Arbeitstagung Ost der beratenden Fachärzte” 1943, im Rahmen derer der später zum Tode verurteilte Nazi-Verbrecher Karl Gebhardt über seine grausamen Versuche an Frauen des polnischen Widerstands berichtet. Sauerbruch beteiligt sich dabei an der „fachlichen“ Diskussion. „Daran Kritik zu üben“, erkläre später sein Rechtsanwalt, sei für „Herrn Geheimrat Sauerbruch aus Gründen des Taktes und seiner militärischen Dienststellung unmöglich gewesen.“ Hardinghaus steigert das Ganze noch und behauptet, Widerspruch vonseiten Sauerbruchs hätte dessen Leben gefährden können. Diese Begründung in der Logik des „Befehlsnotstandes“ wurde nach dem Krieg von vielen Kriegsverbrechern angeführt und gilt als längst widerlegt.
Dieser geschichtsrevisionistische Eintopf wirkt wie ein Auftragswerk und Hardinghaus wie der Dieter Köhler der Medizingeschichtswissenschaften. Denn wie durch einen Zufall wurde einen Monat nach Erscheinen des Buches die zweite Staffel der Charité-Serie erstausgestrahlt, mit Sauerbruch als Serienhelden. Das ZDF kann sich nun auf den von Hardinghaus ausgestellten Persilschein berufen. Interessanterweise geht das ZDF auf zehn Jahre der aktiven Unterstützung Sauerbruchs für das NS-Regime, in seinen Worten „die große Idee einer nationalen Erhebung“, nicht ein. Zuletzt hat auch Taris Würger mit „Stella“ bewiesen, dass er auch er der Thematik nicht gewachsen war. So liegt man voll im Trend und die Leser*innen und Zuschauer*innen können sich in die große deutsche Lebenslüge der Nachkriegszeit einfühlen: Wir haben ja nichts geahnt, alle Nazis trugen schwarz und wir, „die Mehrheitsgesellschaft“, wurden von ihnen betrogen.
Die Studentische Initiative GeDenkOrt.Charité befasst sich mit dem Thema und hat unter anderem auch Wolfgang Eckart eingeladen. Hier geht es zur Veranstaltungsreihe.

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