Gesundheit braucht Klimaschutz (Positionspapier, lang)

„Klimawandel ist die größte Gefahr für die globale Gesundheit im
21. Jahrhundert“ (The Lancet 2009)1
Im November 2017 findet in Bonn die 23. Weltklimakonferenz (COP23) unter Leitung der Fidschi-Inseln statt. Welch Ironie, wenn man bedenkt, dass diese Inselgruppe im globalen Süden eine der Hauptleidtragenden des globalen
Klimawandels ist. Dagegen gehört Deutschland, internationaler Rekordhalter
in Braunkohleförderung und -nutzung, zu den G7 des CO2-Ausstoßes2 und
betreibt ausgerechnet wenige Kilometer vom Veranstaltungsort eines der
weltweit größten Braunkohlekraftwerke.
Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 geriet die Politik
unter Kanzlerin Merkel unter Druck, schnellstmöglich Kernkraftwerke
stillzulegen. Statt ausreichend in erneuerbare Energien zu investieren, setzt
die Bundesregierung weiterhin auf Braunkohle, eine seit jeher als dreckig
bekannte Energiequelle mit einem sehr geringen Wirkungsgrad und deshalb
dreimal so viel CO2-Emissionen wie der Durchschnitt der restlichen zur
Stromerzeugung eingesetzten Energieträger. Es ist kaum zu glauben dass
immer noch 45% unseres Strombedarfs durch Kohle gedeckt wird – vor allem
wenn man neben der massiven Klimabelastung durch Kohle die Folgen für
unsere Gesundheit betrachtet: Durch den Abbau und vor allem das
Verbrennen von Kohle werden große Mengen von Treibhausgasen, sowie
Groß- und Feinstäuben freigesetzt. Welche konkreten Auswirkungen haben
diese uns alle betreffenden Abfälle der Kohleindustrie?

Luftverschmutzung – Feinstäube und andere Noxen
Seit über zwanzig Jahren belegen Studien gesundheitliche Schäden durch
steigende Feinstaubkonzentrationen in der Luft. Durch oxidativen Stress in
Lunge und Gefäßen entfalten sie chronisch entzündliche sowie karzinogene
Wirkungen3. So werden zum einen kardiovaskuläre Erkrankungen, vor allem
Koronare Herzkrankheiten und Schlaganfälle, durch die Inhalation von
Feinstäuben verschlimmert bzw. ausgelöst. Bereits eine kurze Exposition
(Stunden bis Wochen) erhöht die Mortalität, während ein dauerhaftes
Einatmen zu einer deutlichen Reduktion der Lebenserwartung führt4.
Feinstäube sowie bodennahes Ozon, das durch komplexe chemische
Reaktionen indirekt durch Abgase entsteht, haben zusätzlich bedeutende
Effekte auf Lungenerkrankungen. Bei Kindern führen sie zu einer deutlichen
Zunahme von Lungenentzündungen und Asthmaanfällen. Bei älteren
Menschen verschlimmern sie chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen und
führen zu einer deutlichen Zunahme von Bronchialkarzinomen5. 430.000
Menschen sterben in Europa jährlich verfrüht durch Luftverschmutzung6 und
weltweit wurden 2012 ca. 13% aller Tode (ca. 7 Millionen) auf
Luftverschmutzung zurückgeführt7.
Bei der Verbrennung von Kohle produzierte Schadstoffe wie diverse
Schwermetalle und Quecksilber verschmutzen vor allem Böden und Meere.
Somit gelangen sie über Landwirtschaft, Fischerei und
Trinkwasserversorgung in die Nahrungskette und letztlich in unsere Körper,
wo sie über die Zeit akkumulieren und entsprechende chronische
Vergiftungen oder den Untergang von Gehirnzellen auslösen können8.

Treibhausgas – CO2
Während Luftverschmutzung durch Feinstäube uns spürbar krank macht, hat
der Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 einen subtileren und
tiefergehenden Effekt. Der weiterhin zunehmende Ausstoß dieser Gase durch
den Menschen ist für die bereits ca. 0,9°C betragende und voranschreitende
Erderwärmung (verglichen mit 18809) und den daraus resultierenden
Klimawandel verantwortlich. Die Folgen sind nicht nur von der Natur zu
tragen, sondern haben direkte und indirekte Folgen auf die globale
Gesundheit und gefährden damit unser Über- und Zusammenleben.
Durch die Zunahme von Extremwetterereignissen erleiden Menschen direkte
Gesundheitsschäden nicht nur in weit entfernten Ländern, sondern auch in
Europa und Deutschland. Stürme und Überschwemmungen führen durch
Verschmutzung von Trinkwasserquellen zu Ausbrüchen von Cholera und
Typhus, die eigentlich ein Hygiene-Problem des vorletzten Jahrhunderts
darstellen sollten. Probleme wie Unter- und Mangelernährung werden durch
Ernteausfälle in immer extremeren Dürreperioden verschärft, da vor allem
von Ackerbau abhängige Menschen wie in Subsahara-Afrika schnell ihre
Existenzgrundlage verlieren. Noch häufiger als Dürren sind Hitzewellen, die
den Körper schnell an den Rand der Belastbarkeit bringen und so z.B. 2003 in
Europa 70.000 Tote forderten10,11,12. Auch führt der weltweite
Temperaturanstieg zur Verbreitung von durch Vektoren übertragenen
Infektionskrankheiten13. So kam es dieses Jahr zu Fällen von Dengue-Fieber in
Portugal, Frankreich und Deutschland, und die Malaria übertragende
Anopheles-Mücke breitet sich auch in Europa aus. Neben den direkten sind
die indirekten Gesundheitsfolgen der sich verändernden Klimaverhältnisse
inzwischen nicht mehr zu übersehen. Diese werden oft nicht gleich mit dem
Klimawandel assoziiert, da sie einen Umweg über soziale Verhältnisse
machen. Ein bitteres Beispiel hierfür sahen wir in Syrien, das 2006 – 2010
eine der schwersten Dürren der Geschichte des Landes erlebte. Ein Viertel
der Landbevölkerung rutschte durch jahrelange Ernteausfälle in extreme
Armut ab, viele dadurch arbeitslos gewordenen Bäuerinnen und Bauern
zogen in die syrischen Städte. Die klimatischen Bedingungen haben
nachweisbar dazu beigetragen, die Konfliktsituation in einem politisch
instabilen Land weiter zu verschärfen.

Psychosoziale Faktoren
Die Ausbeutung der Erde und ihrer Ressourcen ist Teil marktradikaler
Machtstrukturen. Ausgebeutet werden hier nicht nur Bodenschätze sondern
auch wir Menschen selbst. Die Auswirkung dieser sogenannten
psychosozialen Determinanten gerade auch auf unsere mentale Gesundheit
zeigt sich besonders gut am Beispiel von Kohleabbauregionen. So weichen
der immer weiter fortschreitenden Tagebaukante nicht nur Ökosysteme
sondern auch ganze Dörfer und damit soziale Strukturen. Den dort lebenden
Menschen wird häufig langjährige Heimat genommen, die sie viele Jahre
zuvor schon sukzessive bedroht sehen mussten. Naheliegend ist der damit
verbundene psychische Stress und die daraus resultierenden somatischen
Folgen.
Auch die indirekten Folgen des Klimawandels selbst, wie beispielsweise
immer längere Dürreperioden in landwirtschaftlich genutzten Regionen der
Erde, stürzen Menschen in Existenznöte, Angst und psychischen Druck und
zwingen sie im Zweifelsfall unter schlechteren Arbeitsbedingungen mehr zu
arbeiten und sich damit auch körperlich noch stärker zu belasten.

Wir leben in einer Zeit, in der uns eine lang ignorierte Krise zu überrumpeln
droht. Doch könnte „der Kampf gegen den Klimawandel […] die
größte Chance für die Gesundheit im 21. Jahrhundert sein“ (The
Lancet 2015)14, um eine gerechte und gesunde Zukunft auf diesem
Planeten zu schaffen.
Damit dies möglich ist, müssen wir über eine Beschreibung der Symptome
hinausschauen. Es reicht schon lange nicht mehr aus, sich auf der
vereinfachten Entstehungsgeschichte des Klimawandels, als Folge von CO2
Emissionen auszuruhen. Es wird Zeit, dass wir uns der strukturellen Ursachen
bewusst werden und diese verändern. „Wir müssen unsere Ziele höher und
weiter stecken. Wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, geht es darum, unsere
Lebensweise auf diesem Planeten von Grund auf zu ändern.“ (Rebecca
Tarbotton, geschäftsführende Direktorin des Rainforest Action Network, 1973-
2012).

Um einen gesellschaftlichen Wandel möglich zu machen, wollen wir –
Menschen, die auf unterschiedliche Weise im Gesundheitssektor tätig sind –
die realen Risiken und Folgen des Klimawandels kommunizieren. Wie
Ärztinnen und Ärzte der Divestment-Bewegung in Großbritannien es
erfolgreich getan haben15 fordern wir auch im Gesundheitssektor ethisch
vertretbare und nachhaltige Geldanlagen, sowie den sofortigen
Kohleausstieg. Dazu zählt auch die Einstellung von Kohleexporten aus
Deutschland, um nicht weiter an einem Handel zu verdienen, der Menschen
in anderen Ländern krank macht. Zu Beginn der neuen Legislaturperiode
wollen wir unsere gesellschaftliche Position nutzen, um Druck auf die
Regierung auszuüben.

Wir stehen entschieden gegen eine Wirtschaft, die Krankheit verursacht und
in Kauf nimmt.
Wir lehnen eine Politik ab, die die Entstehung von Krankheit, Tod und
gesundheitlichen Kosten durch „fossile“ Unternehmen noch immer
unterstützt und stellen Gesundheit klar vor Profit.
Die Gesundheit jedes Menschen ist unser unantastbares Recht!
Lasst uns gemeinsam am 4.11. in Bonn als Gesundheitsblock an der
Demo „Klima schützen – Kohle stoppen“ teilnehmen und unseren
Standpunkt deutlich machen.
Globale Gesundheit fördern – Klimawandel stoppen!

AG Klimawandel und Gesundheit
Kritische Mediziner*innen Deutschland

1 Costello, Anthony et al. „Managing the health effects of climate change“.
The Lancet 373.9676 (2009): 1693 – 1733. Print.
2 http://www.globalcarbonatlas.org/en/CO2-emissions (22. Oktober 2017)
3 Donaldson, Ken et al. “Combustion-Derived Nanoparticles: A Review of
Their Toxicology Following Inhalation Exposure.” Particle and Fibre Toxicology
2 (2005): 10. PMC. Web. 21 Oct. 2017.
4 Brook, Robert D. et al.“Particulate Matter Air Pollution and Cardiovascular
Disease.“ Circulation (2010): 121:2331-2378. Print.
5 Pope, C. Arden et al. “Lung Cancer, Cardiopulmonary Mortality, and Long-
Term Exposure to Fine Particulate Air Pollution.” JAMA : the journal of the
American Medical Association 287.9 (2002): 1132–1141. Print.
6 European Environment Agency. Air quality in Europe- 2015 report (2015).
https://www.eea.europa.eu/publications/air-quality-in- europe-2015
(22.Oktober 2017)
7 http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2014/air-pollution/en/ (22.
Oktober 2017)
8 Physicians for Social Responsibility. „Coal’s Assault on Human Health“
(2009). http://www.psr.org/assets/pdfs/coals-assault-chapter- 5.pdf (22.
Oktober 2017)
9 Kernbotschaften des Fünften Sachstandsberichts des IPCC.
http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/i
pcc_sachstandsbericht_5_teil_1_bf.pdf (22. Oktober 2017)
10 Robine, Jean-Marie et al. „Report on excess mortality in Europe in Summer
2003“. Heat Wave Project. EU Community Action Programme for Public
Health (2007), Grant Agreement 2005114. Web. 21 Oct. 2017.
11 Stott PA, Stone DA, Allen MR. (2004), Human Contribution to the European
heatwave of 2003. Nature, 432(7017):610-4
12 Poumadère, M., Mays, C., Le Mer, S. and Blong, R. (2005), The 2003 Heat
Wave in France: Dangerous Climate Change Here and Now. Risk Analysis, 25:
1483–1494.
13 Liu-Helmersson, Jing et al. “Climate Change and Aedes Vectors: 21st
Century Projections for Dengue Transmission in Europe.” EBioMedicine 7
(2016): 267–277. PMC. Web. 22 Oct. 2017.
14 Wang, Helena et al. „Tackling climate change: the greatest opportunity for
global health“. The Lancet 386.10006 (2015): 1798 – 1799. Print.
15 The Lancet. „Climate and health: joining up the pieces, scaling up the
action“ The Lancet 388.10055 (2016): 1956. Print.